
In dieser wissenschaftlichen Untersuchung beschäftigt sich Berthold Hamelmann mit der Alltagsgeschichte der Fasnacht in der Zeit von 1919 bis 1939, also zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Er schildert unter anderem, wann und wodurch die Fastnacht ein "t" einbüßte und offiziell zur Fasnacht wurde. Man erfährt auch, dass die alemannische Fasnachtstradition, auf die von Beteiligten heute gern mit Stolz verwiesen wird, in Städten wie Lörrach und Freiburg – vom Fasnachtsfeuer einmal abgesehen – noch gar nicht so alt ist. Bis Anfang der 1930er-Jahre wurde auch am Oberrhein rheinischer Karneval gefeiert: mit Helau-Rufen, Narrenkappe, Elferrat usw.
In der Nazizeit legte man dann offiziell Wert auf altes, am liebsten vorchristliches Brauchtum und gründete neue Fastnachtsvereinigungen. Wo historische Bräuche nicht vorhanden waren, zeigte man sich erfinderisch und schuf traditionell wirkende Riten und Kostüme (z.B. das Freiburger "Flecklehäs").
Hamelmann hat bei seiner Untersuchung beispielhaft die Stadt Freiburg in den Mittelpunkt gestellt, doch auch zu anderen Orten finden sich interessante Hinweise. Für Leser/-innen aus dem Landkreis Lörrach ist eine mutmaßliche Lokalposse um den NSDAP-Kreisführer und Bürgermeister Reinhard Boos vielleicht von Interesse.
Zur Organisierung der Lörracher Fasnacht, vor allem der Straßenfasnacht, die anscheinend auf einen Vorstoß des nationalsozialistischen Bürgermeisters Boos zurückgeht, war 1936 die Narrengilde Lörrach gegründet worden. Kaum zu glauben, aber laut Basler Nationalzeitung soll ausgerechnet der Schirmherr der Narrengilde, Reinhard Boos, auf einen ihrer Fastnachtsscherze ziemlich eingeschnappt reagiert haben. Folgendes habe sich zugetragen:
Im Rahmen einer "Schnitzelbank" brachten Mitglieder der jungen Lörracher Narrengilde launig zu Gehör, Boos habe in seinem Stammlokal "manche Nacht zugebracht" – und dieses Lokal war vielen Einheimischen unter der Bezeichnung "Judencasino" ein Begriff. Für überzeugte Nazis war das vielleicht zu viel des Guten. Jedenfalls soll NS-Bürgermeister Boos daraufhin den Empfang des Elferrats der Narrengilde im Rathaus verweigert haben, außerdem der Markgräfler Fasnacht ferngeblieben sein und den Narren den Strom abgestellt haben: Die "Hinrichtung" des Lörracher "Müpfi" musste in der Innenstadt offenbar im Dunkeln stattfinden. (Dabei war der Müpfi laut Narrengilde eine "symbolische Gestalt für Miesmacher und Nörgler" – Bezeichnungen, mit denen die NS-Propaganda seit 1934 ihre Gegner bedachte.) Die Differenzen zwischen Bürgermeister und Gilde wurden anscheinend erst nach einem halben Monat beigelegt, wie die Basler Nationalzeitung vermeldete.
Doch nicht nur von lokalen Ereignissen, sondern auch von regionalen und überregionalen Zusammenhängen ist in Hamelmanns Studie zur Geschichte der Fasnacht (auch Fastnacht oder Fasnet genannt) die Rede. So erfährt man zum Beispiel, dass Behörden und christliche Kirchen in den 1920er-Jahren nachdrücklich gegen öffentliches Narrentreiben eintraten, während bis zum Zweiten Weltkrieg Fasnachtsveranstaltungen und -umzüge in der Nazizeit offiziell gefördert, dabei aber natürlich auch beeinflusst wurden. Dargelegt wird auch, dass die Breisacher Narrenzunft und die Breisgauer Narrenzunft sich bei der Vereinigung Schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte vergeblich um Anerkennung ihres angeblich "historischen" Brauchtums bemühten und schließlich 1937 zusammen mit Narren aus anderen Orten – darunter Lörrach, Weil, Staufen, Kenzingen und Lahr – den Verband Oberrheinischer Narrenzünfte gründeten.
Bei aller Wissenschaftlichkeit ist dieses Buch für jeden lesenswert, der sich mit der regionalen Geschichte der Fasnacht, Fasnet oder Fastnacht beschäftigen möchte.
· Rezension: J. Krause
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